Scala #43 – Lisa Morgenstern

Diesmal lest Ihr einen Bericht von Gudrun Thäter, der so auch im Konzerttagebuch zu finden ist. Die Fotos sind ebenfalls (bis auf die beiden letzten) von Gudrun Thäter.

Vor zwei Jahren hatte sich mir mein Lieblingskonzert schon im Februar präsentiert. Wir waren dafür drei Stunden nach Paris gefahren und hatten uns einiges erhofft. Und alles wurde erfüllt und übererfüllt. Auf der noch längeren Fahrt an den Rand des Erzgebirges zum Wohnzimmerkonzert mit Lisa Morgenstern fragte ich mich leise, ob es auch 2017 so kommen könnte… Während des Crowdfundings für ihre neues Album Chameleon war ich selbst immer wieder um die Option Wohnzimmerkonzert geschlichen und hatte mich letztlich nicht getraut.  Aber bei Michael und Katrin dabei sein zu dürfen, war deshalb ein Muss und nicht mit dem Schicksal verhandelbar, obwohl ich drei Wochen lang und noch auf der Fahrt abwechselnd krank und nur halb gesund gewesen war.

Wie würde es nun also kommen?

Die erste Überraschung war ein liebenswürdiger Begleiter: Miguel Murrieta Vásquez, der – so entschied sich das im Laufe des Soundchecks – schließlich am Abend auch mit Hand anlegte. Als Vorteil des Konzertortes erwies sich, dass ich schon über den Nachmittag leise tastend in das abendliche Konzerterlebnis hineinschreiten durfte, während meiner Spannung auf die neue Musik schon ein paar Krümchen vorgeworfen wurden.

Aber schließlich war es soweit – das Wohnzimmer hatte sich mit neugierigen Menschen gefüllt – alle wurden begrüßt und mit einem fast fröhlichen Klavierintro ins Konzert hereingeholt. Auch für den zweiten Song – Waltz – ging es zunächst am Markenzeicheninstrument Klavier weiter. Tupfend und tänzerisch – dabei aber doch leicht melancholisch. Danach öffnete sich der Horizont – wie wenn im Kino der Vorhang noch einmal weiter aufgezogen wird. Bei Atlas waren Miguels Hände und Finger an den Rädchen und Schiebern hilfreich am Werk. Lisa rief in den höchsten Tönen sehnsuchtsvoll in die Weite – schließlich geerdet durch einen einsetzenden pulsierenden beat. Das war ganz und gar Otherworldly – ein Song aus Anderland – Gänsehaut pur.

Mit Answers schloß sich eine Klavierballade an – neu aber doch auch irgendwie vertraut. Hier durften sich Stimmen beimischen bis ein ganzer Chor aus dem Off seinen tröstenden Kommentar beisteuerte – eine fast optimistische Prise beimischend. Bis hierher hatten wir ausschließlich neues Material gehört und es wurde Zeit für einen Liebling vom ersten Album: Das dramatische Kannibalische Gourmet. Herrlich! Ähnlich dramatisch, wenn auch ohne Gesang war Colors von dem sie direkt zum Titeltrack Chameleon überging. Wieder so ein Song in Cinemascope-Format: Broadwaymusical-Anklänge – aber dann doch ein wenig schräge Einschübe, die im Musical nicht so einfach zu verkaufen wären; träumerische Einsprengsel. Dann mehr und mehr Zumischung von anderen Klängen – ein auströpfelnder Schluß und ich fühlte mich ein wenig atemlos, aber glücklich. Die Zeit war unbemerkt verronnen und es war fast schon Zeit für die Pause. Zuvor gab es aber noch das vertrautes My room – Lisas Liebeslied an ihr Klavier. You saved me … Hachmusik und leise verdrückte Tränen für mich.

Nach der Pause wurde auch ein vertrautes Lied an den Anfang gesetzt – eines der schönen Mondlieder: Celene – sehr poetisch. Auch eine schöne Aufwärmübung für den nächsten Breitformat-Knaller vom neuen Album:  My boat – übers nicht zurückschauen sondern vorwärts gehen. Hier diente eine elektronisch blubbernde melodiöser Basslinie als Futter für mein Kopfkino – eine Mischung von Rufen in höchsten Tönen und brummenden Antworten.

Noch toller – und für mich vom noch ungehörten Material der Oberknaller – war On the top of a tree. In Gedanken stand ich selbst sehnsuchtsvoll schauend weit oben, vom Wind gewiegt und doch zugleich auch herausgefordert. Halt und Ziel suchend zugleich. Das klang wieder sehr fremdweltlich fast als könnte Lisa mit ihrer Stimme Wände zu Parallelwelten aufschneiden um zumindest Signale aus dieser Weite zu empfangen.

Als nächstes passte es irgendwie gut, das herausforderndste Stück gemeinsam anzugehen. Das Stück, wo mir schon in den ersten beiden Akkorden die Tränen in die Augen stiegen.

Lieber Tod – ein Lied das Lisa auf Konzerten nicht weglassen kann, aber zwischendurch auch nicht üben, weil es die Seele so arg malträtiert. Ihre Stimme brach zu Beginn fast – ähnlich wie mein Herz. Im Publikum ging es allen so – egal ob das Lied ihnen schon ein vertrauter Freund war oder sie ihm gerade zum ersten Mal begegneten. Mit aufgewühltem Herzen musste Lisa auch einmal abbrechen und mit einer speziellen Adorf-Version ihren und unseren Frieden mit dem Tod und dem zurückbleiben zu schließen versuchen.

Fast erholsam war anschließend der gedankliche Weg in die Wüste mit dem Song Levitation – mir bekannt als Kostehäppchen für das neue Album. Auch hier steht ein blubbernd elektronischer Einstieg am Anfang einer per aspera ad astra Geschichte, die sich Zeit nehmen darf und mit einem vagen Versprechen schließt, dass alles gut ausgehen wird.

Als Finale wurden wir mit einem rein instrumentalen dramatischen Stück mit einem positiven Grundton wieder in die uns vertraute Welt entlassen. Es durfte Mate, Wein oder Bier getrunken werden und lange Gespräche geführt bevor die Kabel wieder aufgerollt, aufgetürmt und weggepackt werden würden.

Was soll ich sagen? Das war in der Tat ein ganz und gar besonderer Konzertabend. Ein definitives Lieblingskonzert des laufenden Jahres. Ein großes Dankeschön an die Gastgeber und die beiden Musiker!!

Setlist:

01: Codex

02: Waltz

03: Atlas

04: Answers

05: Kannibalisches Gourmet

06: Colors

07: Chameleon

08: My room

09: Celene

10: My boat

11: On the top of a tree

12: Lieber Tod

13: Levitation

14: Spiral tongue